Montag, 14. September 2015

"Ich will der Anführer sein!"

In unserer kleinen Kindergartengruppe haben wir sehr liebenswerte und nette Kinder.
Meistens verstehen sie sich auch sehr gut und es ist ein gutes Miteinander in der Gruppe.
Allerdings gibt es im Laufe des Vormittags regelmäßig einen Streitpunkt: wenn es nämlich darum geht, wer den "Zug" anführen darf.
Nach dem Stuhlkreis müssen wir den Gruppenraum zum Essraum umfunktionieren. In der Zeit gehen wir mit den Kindern nach draußen zum Händewaschen. Um Chaos zu vermeiden, fassen wir uns alle an die Hände und spielen "singender Zug". Je nachdem wie lange es dauert, bis der Gruppenraum für das Mittagessen vorbereitet ist, dreht der Zug auch schon mal einige Extrarunden und wir singen die Lieder, die wir den Kindern beigebracht haben.

Den Kindern macht das mittlerweile viel Spaß (es hat etwas gedauert, bis sie es gewohnt waren zu laufen, ein anderes Kind an der Hand zu halten und dann dabei auch noch zu singen).  Allerdings gibt es fast jedes Mal Theater wenn es darum geht, wer den Zug anführen darf... Sobald wir also ankündigen, dass es zum Händewaschen geht, kommen die Kinder mit einer eher stärkeren Persönlichkeit auf mich zugerannt und teilen mir sehr bestimmt mit, dass sie an der Spitze des Zuges sein wollen. Dafür haben sie sich einen Namen ausgedacht: "Der Anführer".
Es sind meistens zwei bestimmte Kinder, die manchmal noch nicht einmal fragen, sondern einfach ein kleineres Kind an die Hand nehmen und alle anderen Kinder kommandieren, sich hinter ihnen einzureihen.
Aber selbst die kleinen und ganz schüchternen Kinder kommen auf mich zu und flüstern :"Ako ang leader ngayon! -Ich will heute der Anführer sein!"

Es ist interessant, wie viel es den Kindern bedeutet, ein "Anführer" zu sein. Sie alle wollen bestimmen und finden es toll, wenn die ganze Gruppe, einschließlich der Mitarbeiter, ihnen folgt. Sie finden es toll, wenn es an ihnen liegt wie viele Runden wir drehen bis wir zum Waschbecken gehen.
Das hört sich vielleicht ganz lustig an, aber viele Kinder finden es gar nicht lustig, wenn sie eben nicht der "Anführer" sein dürfen. Das geht zum Teil so weit, dass sie anfangen zu heulen und sich weigern, sich in die Gruppe einzureihen. Dies wiederum nervt den Rest der Gruppe gewaltig.

Offensichtlich ist das Streben nach höheren Positionen oder danach "jemand zu sein" nicht nur ein Thema unter Kindern, sondern auch unter Erwachsenen. Auch in christlichen Kreisen ist dies leider oft ein großes Problem. Schon vor ziemlich langer Zeit gab es zwei Freunde von Jesus, die ihn baten im Himmel zu seiner Rechten und Linken sitzen zu dürfen. Jesu Antwort auf diese Bitte war eindeutig: "Wer groß sein will unter euch, der soll euer Diener sein." (Markus 10, 43)

Für die Kinder im Kindergarten werden wir von nun an diejenigen als "Anführer" auswählen, die im Laufe des Vormittags an einem bestimmten Punkt eine dienende Haltung gezeigt haben. Das können Kleinigkeiten sein, wie zum Beispiel dass sie den jüngeren Kindern die Tür geöffnet haben, ohne dass wir sie darum gebeten haben oder sie mitgeholfen haben beim Aufräumen von Spielsachen, welche sie gar nicht benutzt haben.
Wir hoffen, dass sie dadurch mehr begreifen, was es bedeutet ein "Anführer" zu sein...


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